Tallinn ist den meisten Menschen ein Begriff. Die estnische Hauptstadt ist in den letzten Jahren bei Reisenden immer beliebter geworden. Narva, die drittgrößte Stadt Estlands, ist den Meisten unbekannt – so auch mir vor meinem Auslandssemester in Estland. Obwohl Narva im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört worden ist und daher nicht ein klassisches touristisches Ziel ist, lohnt sich die Reise allemal: Zwar nicht um Sightseeing zu betreiben, sondern um den Einfluss des russischen Kulturkreises und eine Facette des Verhältnisses zum russischen Nachbar zu erleben.
Estnisch-russische Grenzerfahrungen
Reist man von Tallinn gut 200km Richtung Osten erreicht man die Stadt Narva. Der gleichnamige Fluss markiert hier die Grenze zwischen Estland und Russland. Abgesehen von meinen Aufenthalten in unterschiedlichen europäischen Küstenorten, habe ich mich noch nie an einer direkten EU-Außengrenze aufgehalten – und hatte dementsprechend vor meinem Besuch in Narva keine reale Vorstellung dessen, wie es dort aussieht. Ganz klischeebehaftet stellte ich mir eine hochgerüstete Grenzanlage, viel Stacheldrahtzaun und eine hohe Militärpräsenz vor.
Tatsächlich ist der russische Einfluss in Narva unverkennbar. Schlendert man durch die Straßen, reiht sich ein Plattenbau an den nächsten, vorbeilaufende Passanten unterhalten sich überwiegend auf Russisch. Das ist nicht verwunderlich. Während der sowjetischen Besatzungszeit haben sich bzw. wurden viele russischstämmige Menschen in Narva angesiedelt – heute beträgt der Anteil ca. 90%. In Narva gibt es also keine russische Minderheit, wie im restlichen Estland. Die Verhältnisse haben sich hier mehr als umgekehrt.

Narva – durch und durch vom russischen Kulturkreis geprägt
Sowohl nahe des estnischen als auch des russischen Narva-Ufers sind Fischer auf dem Fluss unterwegs – in friedlicher Koexistenz. Was allerdings passiert, wenn ein Fischerboot die Mitte des Flusses überquert weiß ich nicht. Eine Brücke verbindet die beiden Länder. Der Grenzübergang ist unscheinbar. Alles in allem wirkt die Szenerie sehr friedlich. Wüsste ich nicht, dass am gegenüberliegenden Flussufer bereits russisches Festland beginnt, wäre mir nicht bewusst, dass ich an einer Außengrenze der EU stehe.


Lediglich beim Flanieren über die estnische Uferpromenade kann der aufmerksame Spaziergänger einen Hinweis darauf finden, dass man sich geographisch gesehen ganz am Rande der EU befindet. Jeder Mitgliedstaat der Europäischen Union ist mit einer im Boden eingelassenen Steinplatte mit Ländernamen und EU-Beitrittsjahr verewigt. Die Symbolwirkung ist klar: Europa präsentiert sich als Einheit und „blickt“ selbstbewusst über die Narva nach Russland hinüber.
Nochmal 150km weiter östlich.
Einige Wochen nach meinem Besuch in Narva reise ich nach St. Petersburg. Zeit für meine zweite russische Grenzerfahrung. Ich erreiche die Stadt von Helsinki aus mit der Fähre. Geprägt von meinen Eindrücken in Narva stelle ich mir den Grenzübertritt unspektakulär vor. Allerdings werden hier meine ursprünglichen Vorstellungen von der europäisch-russischen Grenze doch noch bedient. Das Schiff legt an einer grauen Betonfestung, die von hohen Zäunen aus Stacheldraht gesäumt ist, an. Im Einreisebereich warte ich lange. Die Stimmung ist angespannt. Überall hängen Kameras. Einige Einreisende werden herausgezogen, äußerst gründlich kontrolliert und befragt. Die Grenzbeamten blicken grimmig drein. Ich bin erleichtert, als endlich der Einreisestempel mit Nachdruck in meinen Reisepass gedrückt wird und ich meine Einreisepapiere ausgehändigt bekomme. Die Papiere werde ich die nächsten Tage wie meinen eigenen Augapfel hüten. Bei Verlust derselbigen kann eine Ausreise nämlich durchaus kompliziert werden. Aus all diesen Gründen habe ich mir dort auch das Fotografieren verkniffen. Im Zweifelsfall wäre das nicht gut angekommen.

Was nehme ich aus meinen beiden russischen Grenzerfahrungen mit?
Zweierlei.
In Narva ist die Grenze landschaftlich, aber auch in Bezug auf die Kultur und die dort lebenden Menschen verschwommen. Tatsächlich löst sich die Grenze in Narva für etliche Anwohner auch noch in anderer Hinsicht auf. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stellte sich für eingewanderte bzw. angesiedelte Russen die Frage nach der Staatsbürgerschaft. Nicht alle konnten oder wollten den estnischen Staatsbürgerschaftstest absolvieren, wollten aber auch nicht, nachdem sie sich – teils über Jahrzehnte – ein Leben auf estnischem Grund aufgebaut hatten, nach Russland zurückkehren. Diese Menschen erhielten einen „Nichtbürgerstatus“, wodurch sie offiziell staatenlos wurden und einen grauen Pass erhielten. In Estland besitzen immer noch ca. 80.000 Menschen solche Papiere. Neben vielen Nachteilen – wie z.B. Probleme bei internationalen Reisen und dem Ausschluss von bestimmten Rechten in Estland – hat das für die Betroffenen den entscheidenden Vorteil, dass für sie eine visafreie Ein- und Ausreise nach Russland möglich ist. Der Grenzübergang in Narva ist also – zumindest für manche – tatsächlich durchlässiger.
Dahingegen überwogen bei der Einreise nach St. Petersburg die Kontraste zwischen der EU und Russland: durch die strengen Grenzkontrollen und Einreisevorschriften ist es unübersehbar, dass hier andere Regeln gelten. Im Umkehrschluss wird deutlich, dass uns in Europa eine Art Wertekonsens verbindet. Einen Wertekonsens, der sich in den uns freiwillig auferlegten Regeln widerspiegelt: Seien es Reisefreiheit, freie und faire Wahlen oder Minderheitenschutz – in der EU können wir darauf vertrauen, dass uns diese Rechte gewährt werden. Gleichwohl darf man nicht ausblenden, dass auch in manchen Staaten innerhalb der Europäischen Union besorgniserregende Entwicklungen zu beobachten sind, was diese grundlegenden demokratischen Werte angeht. Daher ist es umso wichtiger sich dieser Werte gewahr zu werden und uns vor Augen zu führen, was uns diese ermöglichen. Bewusst darüber zu werden, welche Privilegien damit verbunden sind. Ein Zusammenstehen der EU-Länder ist unverzichtbar und heute nötiger denn je, und muss über reine Symbolwirkung – wie an der Uferpromenade der Narva – hinausgehen. An der Grenze zu Russland kann man eine Idee davon bekommen, was die Alternative zu einem vereinten Europa wäre.
Als ich bei meiner Rückkehr aus St. Petersburg die Fähre in Tallinn verlasse kommt: Nichts. Kein Warten. Keine Kontrollen. Kein Visum. Es ist offensichtlich: Ich bin wieder in der EU.



