Februar 2020
Ich blicke auf ein intensives halbes Jahr zurück. Estland, Lettland, Litauen, Finnland, Russland, Polen, Tschechien: Diese sieben Länder konnte ich während meines Auslandssemesters und der daran anschließenden Rückreise nach Deutschland kennenlernen.
02. März 2020
Bevor das Semester in Deutschland startet, breche ich zu einer Wandertour in Südportugal auf (wenn du mehr über die Verbindung zwischen der portugiesischen Natur und dem europäischen Gedanken erfahren möchtest, lese gerne in diesen Artikel rein).
03. – 14. März 2020
Ich bin größtenteils mutterseelenallein in der Natur unterwegs und kann mir nicht vorstellen, dass ein Virus in Kürze die Welt komplett aus den Angeln heben wird. Mein Handy ist die meiste Zeit ausgeschaltet, um mich ganz auf die Natur einlassen zu können. Wenn ich es doch mal anschalte, ploppen Nachrichten aus Norditalien auf meinen Startbildschirm. Auf mich beziehe ich das Ganze zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
15. März 2020
Nach knapp zwei Wochen Wanderung, überschlagen sich plötzlich die Ereignisse: Es wird über Grenzschließungen und die Einstellung des Flugverkehrs in Europa diskutiert, meine reservierten Unterkünfte werden storniert und es geht das Gerücht um, dass der portugiesische Busverkehr bald eingeschränkt wird. Mir wird klar: Ich muss so schnell wie möglich nach Lissabon zurückkehren. Gerade noch rechtzeitig erreiche ich einen der letzten regulären Flieger nach Deutschland.
16. März 2020
Auch Deutschland führt wieder Grenzkontrollen ein. Die Reisefreiheit in Europa ist massiv eingeschränkt. Ein ausgedünnter Sonderfahrplan der deutschen Bahn wird beschlossen, der Schul- und Universitätsstart nach hinten verschoben, Großveranstaltungen sind bereits abgesagt, ein Großteil der Menschen arbeitet aus dem Homeoffice. Mein Bewegungsradius beschränkt sich auf den Gang zum Supermarkt und einer gelegentlichen Laufrunde im nahegelegenen Wald.
Im Vergleich zu anderen Corona-Schicksalen ist meines eine wirklich harmlose Geschichte. Auf persönlicher Ebene war und bin ich nicht existenziell von dieser Krise betroffen. Ich musste manche Pläne über den Haufen schmeißen – das war aber auch schon alles.
Warum erzähle ich meine Geschichte trotzdem?
Ich erzähle sie, da mich diese Zeit auf einer anderen Ebene beunruhigt hat. Sie hat mich vor allem deswegen bewegt, weil der Kontrast meiner Lebenswelten vor und während der Corona-Pandemie so groß war: Von einer reiseintensiven Zeit mit vielen internationalen Begegnungen, in der ich die Freiheiten, die wir in Europa besitzen, in vollen Zügen genossen habe, direkt in den Lockdown. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich einen plötzlichen und fundamentalen Wandel der Umgebung, in der ich lebe, erfahren habe.
Was meine ich damit genau?
Natürlich habe ich schon die eine oder andere politische Krise miterlebt. Diese Krisen waren allerdings nie mit der Notwendigkeit verbunden, fundamentale Grundrechte einzuschränken. Für mich war es beunruhigend, wie schnell bestehende Regelungen an ihre Grenzen kommen und veränderten Umständen nicht mehr gerecht werden. Um den Schutz der Bevölkerung und die Funktionsfähigkeit des Gesundheitssystems aufrechtzuerhalten, war die unvermeidbare Konsequenz bestimmte Rechte zu beschneiden.
Das ist keine Kritik an den Maßnahmen. Ich habe große Achtung vor den PolitikerInnen, die unter Bedingungen enormer Unsicherheit schnelle Entscheidungen treffen und konfligierende Rechte – wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die Versammlungsfreiheit – neu austarieren mussten. Vielmehr möchte ich darauf aufmerksam machen, wie schnell sich etablierte Systeme verändern können und wie wichtig es ist, sich den Vorteilen und Privilegien des Lebens in einem demokratischen System bewusst zu sein.
Ein Leben in Freiheit – global betrachtet keine Selbstverständlichkeit
Das erste Mal in meinem Leben, habe ich den Hauch einer Ahnung davon bekommen, was es bedeuten könnte, in einem autoritären System zu leben. Natürlich ist das Leben im „demokratischen Lockdown“ nicht mit dem Leben in einer Autokratie vergleichbar. Zu jeder Zeit konnte ich auf einen verantwortungsvollen Umgang des Staates mit diesen Einschränkungen vertrauen. Dieses Vertrauen können Menschen in vielen Ländern der Welt nicht haben: 2019 wurden nur 42,9% der Länder weltweit als frei klassifiziert (Wenn du mehr über die Vermessung der globalen Freiheit durch Freedom in the World erfahren möchtest, schaue gerne mal hier vorbei). Dennoch war es das erste Mal, dass ich ansatzweise spüren konnte, was es bedeuten muss, in einem Staat zu leben, in dem die persönlichen Freiheiten stark eingeschränkt sind. Wie dieser Wandel unvorhergesehen von jetzt auf gleich ganze Gesellschaften „überrollen“ kann und die neuen Gegebenheiten die eigene Lebensrealität massiv prägen.
Die Pandemie führt mir meine privilegierte Situation vor Augen. Ich befinde mich in einem Land, in dem auf die medizinische Versorgung Verlass ist und Hygieneregeln gut eingehalten werden können. Ich lebe in einem Staat, der mit seiner Macht verantwortungsvoll umgeht. Die Coronakrise ist daher auch eine Gelegenheit, darüber nachzudenken, in was für einem System wir leben möchten, welche Werte uns wichtig sind und wie wir für diese einstehen können.
Das Leben in einem demokratischen System, in dem sowohl weitreichende Freiheitsrechte als auch die Vorzüge eines Solidarsystems garantiert werden, ist nicht die Norm. Ein Blick nach Ungarn und Polen zeigt, dass die schleichende Veränderung demokratischer Systeme auch in Europa keine Zukunftsdystopie mehr ist. Die Pandemie verdeutlicht, wie wichtig ein starkes Europa, das sich für den Schutz von Freiheitsrechten einsetzt, ist. Nur so kann Europa eine Gemeinschaft bleiben, die durch ihre demokratischen Werte verbunden ist und sowohl die vorherrschende Krise als auch kommende Herausforderungen als Gemeinschaft von Demokratien bewältigt. Es gilt zu verhindern, dass Krisen für die Aushöhlung demokratischer Systeme genutzt werden.
Es liegt auch an uns Bürgern, die Zukunft Europas mitzugestalten. Jeder kann für sich selbst die Fragen beantworten: In was für einem System möchte ich leben? Und was bin ich bereit, dafür zu tun?
