Rückblick 15. März 2020
Ich sitze in einem fensterlosen Hotelzimmer in Lissabon, starre auf mein Smartphone und aktualisiere die Nachrichten-Newsticker auf meinem Smartphone alle paar Minuten. Meine Wandertour in Südportugal habe ich aufgrund der Corona-Lage überstürzt abgebrochen; hoffe nun in Lissabon darauf, dass morgen mein Flieger nach Deutschland auch tatsächlich abhebt. Minütlich tauchen neue Meldungen auf: Spanien ruft den Notstand aus, Frankreich schließt ein Großteil der Geschäfte und in den Niederlanden wird die Schließung von Schulen und Kitas angeordnet.
Mein etwas zu exzessiver Nachrichtenkonsum an diesem Lissabonner Abend beunruhigte mich in der Sache sehr – trotz alledem tat sich eine neue Perspektive auf. Im Strom der täglichen Nachrichten geht die Berichterstattung über unsere europäischen Nachbarn oft unter. An diesem Abend erlebte ich eine in Echtzeit stattfindende Berichterstattung mit europäischem Fokus. Plötzlich erschien es relevant die Leserinnen und Leser darüber zu informieren, wie andere europäische Länder handeln und wie es anderen europäischen Bürgerinnen und Bürgern in dieser Krise ergeht. Obwohl die Reaktionen der europäischen Länder auf die Zuspitzung der Pandemie national geprägt waren, veränderte sich – zumindest kurzfristig – der Schwerpunkt der Berichterstattung zu einem verstärkten europäischen Fokus.
Warum ist europäische Berichterstattung wichtig?
Um diese Frage zu beantworten lohnt es sich etwas weiter ausholen. Die europäische Idee war ursprünglich ein Friedensprojekt und entwickelte sich mit der Zeit zu einer engen ökonomischen Gemeinschaft. Bei bloßer ökonomischer Kooperation blieb es nicht und es wurden erste Schritte hin zu einer politischen Union gegangen, z.B. in Form der Zusammenarbeit in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Und heute? Heute stellt sich die Frage, ob die politische Zusammenarbeit auf weitere Themenbereiche ausgedehnt werden soll. Perspektivisch könnte das in einer Art Vereinigte Staaten von Europa münden. Angesichts zunehmender grenzüberschreitender Bedrohungen – die Pandemie ist nur ein Beispiel dafür – ist das keine theoretische Frage. Eine weitere Kompetenzübertragung von nationaler auf europäische Ebene erfordert die Zustimmung der Staats- und RegierungschefInnen. Um zu einem staatsähnlicheren Gebilde zusammenzuwachsen benötigt es aber nicht nur institutionellen Willen, sondern ein Gemeinschaftsgefühl unter den europäischen Bürgerinnen und Bürgern: Es braucht eine gemeinsame Basis; das Gefühl sich mit anderen Europäerinnen und Europäern identifizieren zu können.
Wie kann europäische Identität gefördert werden?
Gemeinschaft entsteht, wenn wir uns miteinander verbunden fühlen. Miteinander identifizieren können wir uns, wenn wir übereinander Bescheid wissen; es uns interessiert, wie es Menschen in anderen Mitgliedsstaaten der Union geht. Ein erster, wichtiger Schritt ist die Berichterstattung mit einem stärkeren europäischen Fokus – ein erster Schritt um ein europäisches Medienwesen zu etablieren. So kann eine gemeinsame Öffentlichkeit gefördert werden, die die Basis für inner-europäischen Austausch bildet.
Nicht nur übereinander sprechen – sondern auch miteinander
Natürlich sollten wir nicht nur übereinander sprechen – sondern am besten miteinander. In pandemischen Zeiten scheint das noch schwieriger als sonst. Aber auch unter normalen Umständen ist es den meisten EU-Bürgerinnen und Bürgern nicht vergönnt, im Alltag einfach mal so eine identitätsfördernde Reise durch Europa zu unternehmen. Wo aber ein Wille ist tut sich in pandemischen Zeiten ein digitales Format auf. ZEIT ONLINE hat gemeinsam mit 15 Medienpartnern aus ganz Europa die Plattform „Europa spricht“ entwickelt. Dort werden virtuelle Vieraugengespräche mit politisch Andersdenkenden aus ganz Europa stattfinden. Um teilzunehmen müssen einige in Europa kontrovers diskutierte Fragen beantwortet werden. Auf Basis dessen wird ein virtuelles Treffen mit einer anderen Europäerin oder einem anderen Europäer arrangiert, der über diese Fragen ganz anders denkt.
Ich werde das Kommunikationsexperiment wagen – und zu späterem Zeitpunkt über meine Erfahrungen mit „Europa spricht“ berichten. Wenn du interessiert bist Teil von „Europa spricht“ zu werden, schaue hier vorbei und melde dich an.
